Gebäude

Ostertorwache
Die Fassade des Wilhelm Wagenfeld Hauses zeigt in der Mitte einen Portikus mit 6 Säulen.
zurückhaltend in beige Tönen kolorierte Zeichnung der Ostertorwache
Eine weiß verputzte Fasse eines zweigeschossigen Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert

Das Ostertor

Das Wilhelm Wagenfeld Haus ist ein klassizistisches Baudenkmal inmitten der Bremer Kulturmeile. Gebaut wurde es zwischen 1826 bis 1828 als „Ostertorwache“ vom Stadtbaudirektor Friedrich Moritz Stamm. Er entwarf auch das gegenüberliegende „Zollhaus“, das heute als Gehard-Marcks-Haus ebenfalls als Museum genutzt wird. Das Ensemble entstand in einer Zeit, in der die veralteten Befestigungsanlagen und Stadtmauern rückgebaut wurden, um eine öffentliche Parkanlage zu schaffen. Da man aber weiterhin den Waren- und Personenverkehr kontrollieren wollte, baute man neue Wachhäuser, wie beispielsweise das Hohentor, das Buntentor, das Ansgaritor und eben das Ostertor.

Ein humanes Gefängnis für Bremen?

Die Neugestaltung des Ostertors wurde außerdem genutzt, um erstmals in Bremen ein zentrales Untersuchungsgefängnis einzurichten, das eine neue Form des Strafvollzugs ermöglichte. 1836 lobt der Bremer Arzt Philipp Heineken das neue Gefängnis: Die nach „neuesten Mustern nachgebildete Einrichtung dieser Anstalt […] liefert den schönsten Beweis für die Humanität Bremens. […] Die Zellen sind geräumig, luftig, hell, die Speisen gut, die Lagerstätten zweckmäßig.“[1] Zugleich sollte das neue Gefängnis die wohlhabenden Bürger:innen nicht verschrecken, die in dieser Gegend spazierten und ihre Sommerhäuser bauten. Daher versteckt das Gebäude seine Funktion und fügt sich mit den Säulen und weiß verputzen Wänden in die neue, klassizistische Umgebung ein.

Die Ostertorwache im 19. Jahrhundert

Eine der ersten Untersuchungsgefangenen in der neuen Ostertorwache war Gesche Gottfried, die ihre letzten 3 Lebensjahre hier verbrachte, bis sie 1831 wegen des Mordes an 15 Menschen hingerichtet wurde. In den nachfolgenden Jahrzehnten verschlechterten sich die Haftbedingungen, weil immer mehr Menschen in der Ostertorwache untergebracht wurden und die hygienische Situation zunehmend mangelhaft war.[3] 1912 waren die Bedingungen schließlich so schlecht, dass der Bremer Senat sogar überlegte, die veraltete Ostertorwache abzureißen und in einen Neubau zu investieren.[4]

Die Ostertorwache im 20. Jahrhundert

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Bremen im März 1933 wandelte sich das Untersuchungsgefängnis zu einem Gefängnis für politische Gefangene. Unter anderem saß hier auch Heinrich Buchholz, der Schwager von Wilhelm Wagenfeld ein.[5] Viele Inhaftierte überlebten die unmenschlichen Haftbedingungen nicht, zahlreiche Gefangene wurden in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet [6]. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde das Gebäude bis in die 1980er- Jahre als Polizeigewahrsam mit Ausnüchterungszellen genutzt. In den 1990er Jahren war es v.a. eine Abschiebehaftanstalt, bis 1996 ein von einem verzweifelten Häftling gelegter Brand die Diskussionen über eine neue Nutzung des Gebäudes verstärkte.

Umbau zum Wilhelm Wagenfeld Haus

Verschiedene Konzepte zur Umnutzung des Hauses wurden diskutiert. 1998 zog schließlich die Wilhelm Wagenfeld Stiftung und das Design-Zentrum Bremen in das unter Denkmalschutz stehende Gebäude. Das nun als „Wilhelm Wagenfeld Haus“ bekannte Haus war mit der großzügigen Unterstützung der Waldemar Koch Stiftung von den Architekt:innen Katja und Heiner Klausing umfassend umgebaut worden. Das Erdgeschoss des rechten Seitenflügels wurde in dem Zustand von 1996 erhalten und erinnert heute als "Dokumentationsstätte Gefangenenhaus Ostertorwache" an die wechselvolle Geschichte der Ostertorwache. „Ein abgeschlossenes und verborgenes Gefängnis ist ein offenes Haus geworden – zugänglich für alle Bremer“[7]

Wir danken der Waldemar Koch Stiftung sehr herzlich für die großzügige Unterstützung des Umbaus der Ostertorwache zum Wilhelm Wagenfeld Haus im Jahr 1998.


 
[1] Philipp Heineken: Die freie Hansestadt Bremen und ihr Gebiet in topographischer, medizinischer und naturhistorischer Sicht, Bremen 1836, S. 137.
[2] Nils Aschenbeck: Im Stile Schinkels. Die Wache zur Zierde der Wallanlagen, in: Dieter Bartetzko u.a. (Hrsg.): Die Weiße Wache. Das Wilhelm Wagenfeld Haus am Ostertor in Bremen, Delmenhorst 1998, S. 17.
[3] Verg. Die Darstellung in: Dieter Fricke: „…musterhaft, die Reinlichkeit tadellos“ Das Gefangenenhaus am Ostertor zu Bremen, in: Dieter Bartetzko u.a. (Hrsg.): Die Weiße Wache. Das Wilhelm Wagenfeld Haus am Ostertor in Bremen, Delmenhorst 1998, S. 41 und S. 46/47.
[4] Vergl. die Darst. in: Dieter Fricke, S. 45.
[5] Heinrich Buchholz war Mitglieder der KPD und wurde wegen seiner politischen Arbeit verurteilt. Er hat aus der Haft in der Ostertorwache, dem Konzentrationslager Miß­ler und dem Zucht­haus Os­lebs­hau­sen Briefe an seine Mutter, Frau und Tochter geschrieben. Seine Tochter Lore Buchholz hat die Briefe 2011 als Buch herausgegeben: „Na, Lütten?“: Briefe aus dem Konzentrationslager und Zuchthaus 1933-1937, Bremen 2011.
[6] Vergl. die Darst. in: Fricke, S. 50.
[7] Nils Aschenbeck, S. 20.